Frau Eisenstein ist ein Community-Comedy Projekt, welches auf Erzählungen von Therapiesitzungen beruht, die bei einer Geschlechtsangleichung vorgeschrieben sind. Natürlich ist es außerdem auch fiktiv.
Dieser Text wurde 2025 in Hamburg aufgeführt. Bitte nicht zuhause nachmachen.
Fr.E.: Also, wie geht’s Ihnen heute?
H: Ach Frau Eisenstein, (herumruckeln etc.) ich weiß nicht, alles ist ganz schwer und ich hab so sehr das Gefühl in der Unterzahl zu sein bei mit den Problemen, die sich gerade durch die dystopischen Nachrichten ergeben, ich muss mich doch kümmern um meine Geschwister, die an Orten wohnen, wo gerade Ersatzreligionen wie Zweigeschlechtlichkeit in die Verfassung geschrieben werden und überhaupt, das kann doch nicht wahr sein dass ich plötzlich ein Gefühl von Privileg erlebe, weil ich zumindest jetzt gerade nicht befürchten muss, dass mein Pass mit der Namensänderung ungültig wird, außerdem schmerzt mein Unterleib und ich will einfach nur im Bett liegen.
Fr.E.: Das mit den Privilegien hatten wir doch letztes Mal schon besprochen, anscheinend sind Sie keinen Schritt weiter gekommen damit ihre deplatzierten Schuldgefühle zu delegieren damit Sie mal pragmatisch Verantwortung für sich übernehmen können, gut, da können wir direkt wieder ansetzen, (zum Publikum) wir haben ja wieder das ganze Team von Universal exchange am Start, aber eigentlich hatten wir die Schuldgefühle ja schon delegiert, das kann jetzt zu einem ernsthaften Problem werden.
Und wenn ihr Unterleib schmerzt müssen Sie zu einem richtigen Arzt, damit kenne ich mich überhaupt nicht aus.
H: Was ist denn ein „richtiger Arzt“, Frau Eisenstein, Sie könnten wenigsten „Ärzt*in“ sagen, außerdem muss ich das gar nicht, das sind normale Mensschmerzen, hatte ich bloss die letzten Monate nicht.
Fr.E.: Ach so, also aha, das hätte ich nicht gedacht,
H: Was hätten Sie nicht gedacht?
Fr.E.: Na das Ihr Zyklus, also hormonell, also das geht mich ja nichts an, aber..
H: Also dass ich blute hätten sie nicht gedacht?
Fr.E.: Genau
H: Sie meinen monatliche Menstruationsblutungen?
Fr.E.: Ja, hab ich doch gesagt.
H: Ich glaube Sie sind mal wieder nicht ganz auf dem neuesten Stand, es ist völlig normal für männlich gelesene Personen einen Zyklus zu haben und da auch offen drüber zu sprechen
Fr.E.: Wieso den „mal wieder“; was soll denn das heißen?
H: Ich mein ja nur, mit Verletzlichkeit und Körperlichen Realitäten haben Sie es ja nicht so-
Fr.E.: Was hat das denn jetzt miteinander zu tun?
H: sSag ich doch, Sie können das nicht mal zusammen denken.- Jedenfalls habe ich aus politischen Gründen Testo abgesetzt um ein monatliches Statement für die perforierte Verwundbarkeit in Verbindung mit den Flüssigkeiten der Umwelt zu setzen-
Fr.E.: Sie haben was? Das klingt sehr nach Geschwurbel, das sollten Sie dringend outsourcen (zum Publikum) also falls das irgendwer übernehmen will, es handelt sich da um Selbstüberschätzung denke ich, das kann aber teuer werden das abzugeben-
H: Aber das mit der Verbundenheit finden Sie doch gut, die wurde doch in der letzten Sitzung hergestellt, ich will doch einfach alles richtig machen, Frau Eisenstein!
Fr.E.: Aber das mit der Umwelt und irgendwas mit oder ohne Testo, wie war das jetzt nochmal, jedenfalls gab es diese bio gender Natur Verkettung schonmal und hat den Kapitalismus auch nicht interessiert, oder ist das jetzt so ein neues Öko Ding?
H: Hydro Feminismus ist das, wahrscheinlich, ich sag ja dass Sie nicht ganz up to date sind.
Fr.E.: Na dann erklären Sie mir das doch bitte, was genau wollen Sie denn mit Ihrer hydro Blutung erreichen?
H: Also, es geht darum sich nicht als abgeschlossenes, autonomes System zu begreifen, sondern in einem Kreislauf von Flüssigkeiten und Spurenelementen, die schon lange vor uns da waren und uns auch überdauern werden, und wir sind nur kleine Aspekte von einem Großen System—
Fr.E.: ..und dabei senken Sie Ihren Kopf in Demut vor Ihren Ahnen, während Sie die Hände im Schoss falten und eine meditative Körperhaltung einnehmen, Ich glaube Sie haben da was falsch verstanden, für diesen Kreislauf können Sie genauso gut dem Mond huldigen oder so. Aber jede Verbindung zwischen feminismus und Monatsblutung würde ich direkt outsourcen, möglichst sofort, damit Sie keine TERFigkeit bekommen, gerade jetzt wo so viele dubiose Informationen kursieren, welche Medien konsumieren Sie gerade, kommt das aus irgendsoeinem Meditationsblatt?
H: Haben Sie etwa ein Problem mit Meditation?
Fr.E.: nein, natürlich nicht, ich bin doch professionell, ich erlaube mir nur fragend die Annahme in den Raum zu stellen, dass es dem patriarchal geprägten Kapitalismus wahrscheinlich völlig egal ist ob Sie ein und ausatmen oder nicht.-
H: Aha, was wäre denn dem patriarchal geprägten Kapitalismus unter weißer Vorherrschaft Ihrer Meinung nach denn nicht egal?
Fr.E.: Also ich glaube, dass sie mit der Veränderlichkeit von Geschlecht und der Verletzlichkeit im Miteinander im Prinzip schon eine sehr interessante Richtung eingeschlagen haben, es ist bloss die Frage, wie das über Ihren individuellen Radius hinaus ragen kann, Veränderung entsteht ja vor Allem im Kontakt, und ich versteh nicht warum Sie dafür mehr oder weniger Testo nehmen wollen, tut mir leid, wenn das jetzt der Stand der Dinge ist brauch ich nicht up to date sein, vielen Dank.
H: Also können wir hier im Kontakt was verändern? Verzeihen Sie mir wenn ich fragend die Annahme in den Raum stelle, dass es zumindest unwahrscheinlich wenn nicht sogar völlig abwegig wäre, dass Sie Ihre Meinung ändern.
Fr.E.: Also meine Meinung tut hier nichts zur Sache, die Frage ist eher wie wir Sie ändern, damit Sie nicht der Prototyp eines angepassten, männlich weißen, sportlichen Gesellschaftskörpers sind?
H: Aber genau deshalb habe ich doch jetzt Testo abgesetzt!
Fr.E.: Aber das hat ja leider keine Aussenwirkung sehen Sie? Blick ist Publikum beim auf Heiner zeigen: Blutet? Blutet nicht? Hat heute Testo genommen? Hat heute kein Testo genommen? Sehen sie, keine Reaktion.
Das ist frustrierend für Sie, das verstehe ich, und ich will Ihnen ja helfen, deshalb habe ich da natürlich was passendes parat, also eine Methode, mit der Sie diese Verbundenheit herstellen können, aber mit modernen Mitteln. Ganz neu ist jetzt nämlich die Abkehr von Individuallösung hin zu Kollektiverlebnissen. Universal exchange heißt diese Methode
H: Das hatten wir doch in der letzten Sitzung schon..
Fr.E.: Jaa, aber jetzt machen wir radical universal exchange, die Methode vom letzten Mal hat ja anscheinend nicht genug gewirkt.
H: hm, meinen Sie dass das wirklich nötig ist?
Fr.E.: Na, also irgendwas müssen wir doch ändern. Zufällig habe ich hier eine kleine Werkzeugtasche für die perforierte Verwundbarkeit in Verbindung mit der Umwelt bei mir. Stimmen Sie der Methode zu? Das ist natürlich freiwillig-
H: Umwelt?
Fr.E.: Dann braucht es noch ein historisches Bewusstsein für die Verletzungen und Gewalt die dieses auf Produktion und Kontrolle ausgerichtete System schon angerichtet hat, aber das ist bisschen zu groß jetzt hier heute, hm, mal konkreter, also projizieren sie doch einfach so einen schönen multigegenderten Gesellschaftskörper, damit wir den gut verbinden können, ja?
Bitte ziehen Sie bisschen was aus, sonst kann ich nicht richtig ansetzen mit der Methode, ja schon viel besser.
Da brauchen Sie sich gar nicht viel zu merken oder zu fragen wie das jetzt war mit den Privilegien, ne, das wird einfach hier ganz solide in einen gemeinsamen Kosmos der gegenseitigen Abhängigkeit – reingeballert… Bitte einmal stillhalten (Tackern) (faden dem Publikum geben)
schön straff halten, ja, aber nicht zu doll ziehen, danke.. Wir haben hier jetzt eine schöne Projektion eines alternativen Universalkörpers, da brauchen sie gar nicht mit der Hormondosis ansetzen und sind trotzdem ein Teil vom Ganzen, (Zur Erinnerung noch zwei Tackernadeln dazu?) Das spüren wir jetzt hier nochmal gemeinsam, aber auch wenn das schön ist müssen Sie am Ende des Tages auch üben ein paar Entscheidungen alleine zu fällen, deshalb schneide ich das dann jetzt hier ab-
H: Aber warum denn, Frau Dr. Eisenstein, Sie haben diesmal auch gar nicht gesagt wie teuer diese Methode ist.-
Fr.E.: Ah ja, das liegt daran dass eine ganz alte Methode ist, die nur auf Tauschwirtschaft beruhen kann, sonst wirkt das ganze nicht, also im Kontakt. Sie haben jetzt ja einen Eindruck von der Behandlung erhalten und können dann bis zur nächsten Sitzung ganz in Ruhe überlegen, was Ihnen diese Veränderung wert ist.-
H: Aber ich kann das sonach gar nicht beurteilen, muss das nicht noch viel Nachhaltiger angewendet werden, ich fühle den Effekt noch nicht genug..
Fr.E.: Nein nein nein, das reicht jetzt, und schön überlegen was Ihnen das hier wert ist.
