Die Augen die mich anstarren liegen hinter einer Decke aus Wasser.
Es sind meine.
Der Spiegel schmeißt mir seine Reflexion entgegen.
Dankeschön.
Ich greife nach der Schatulle mit dem Schminkzeug. Der Boden ist aufgeschlitzt und mit einem Klebestreifen provisorisch verschlossen. Ich reiße ihn ab und krame die Schachtel Zigaretten hervor. Klebestreifen gerade streichen, Kästchen zurück stellen. Eigentlich brauche ich das Versteck gar nicht mehr, aber es ist mein ältestes und ich habe es noch aus Nostalgie. Etwas was bleiben soll, wenn alles andere schon ständig geht. Meine Zehnspitzen verlagern das Gewicht auf einer der Holzdielen und die linke Kante beugt sich nach oben. Wie in einem Film. Ob es wohl wirklich eines Tages wen gibt, der mich verfilmen möchte. Schließlich gibt es so viele langweilige Filme. Dann würde es einfach noch einen geben. Fällt ja eh nicht auf. Die Tür wird aufgeschmissen. Ich zucke zusammen, er erwischt mich. Diesmal ist es so weit. Aber dieser Gedanke konnte sich zum Glück nicht richtig breit machen, da es nur Sophie war.
,,Spinnst du mir den Todesschreck einzujagen.“
,,Du bist aber theatralisch.“ Sie schmeißt sich vor Erschöpfung auf mein Bett. ,,Ach Maus, du weißt ja nicht, ich bin heute mit dem Fahrrad 20 km gefahren und habe mir dabei bestimmt acht Knochen gebrochen.“
Ich fange an zu prusten. ,,Aber ich soll nicht übertreiben.“
,,Ja dass wäre nun wirklich einer zu viel. Dafür bin ich nämlich schon gebucht und weißt du, wofür ich noch gebucht bin?“
Ich reiße die Malerrolle aus dem Boden und tue so, als könnte sie sprechen. ,,Für mein Gegenstück.“
,,Absolut richtig. Woher wussten Sie das denn nur, Frau Malerrolle? Oh meine Knochen.“ Mit leidendem Blick stand Sophie vom Bett auf. Aus ihrer Handtasche kramte sie ein Seil mit befestigtem Metallhaken. diesen schmiss sie nun aus dem Fenster. Nach mehreren Flüchen ihrerseits und aus der Angst meinerseits, dass sie aus dem Fenster fiel, zog sie nur kurze Zeit später eine lange Papprolle hoch. Triumphierend richtete Sophie diese auf die Malerrolle in meinen Armen.
,,Sind sie bereit Frau Malerrolle?“
Die Malerrolle nickte und Sophie riss den Deckel der Papprolle auf. Ein Haufen riesiger knall-lila Plakate mit dicker schwarzer Schrift segelten zu Boden.
,,Wow! So viel Farbe hat mein Zimmer ja noch nie gesehen.“
,,Ja, gewöhne dich bloß nicht daran. Das war nur der Vorführeffekt. Hilf mir lieber dabei die Dinger wieder einzusammeln.“
,,Boa! Das sind ja Unmengen. Damit sind wir ja die ganze Nacht beschäftigt.“
,,Nicht wenn wir uns aufteilen.“
,,Ob das den so schlau ist?“
,,Naja, falls wir erwischt werden, müssen wir uns eh aufteilen.“
,,Hm, stimmt schon. Hast du noch mal was von Tarek gehört? Hilft er uns?“
,,Was bleibt dem auch anderes übrig. Der wollte um Punkt 0 da unten stehen.“ Sophie zeigte aus dem Fenster und schloss es wieder. In Großstädten haben Flintas stabile große Cliquen um gemeinsam laut zu sein. Hier in der Kleinstadt gibt es nur zwei Personen, die stabil sind und auch wenn einer davon ein Cis-Dud ist. Und ich es hasse auf seine Hilfe angewiesen zu sein, ist es doch auch schön, dass er uns unterstützt; ohne wenn und aber. So kam es, dass Tarek um halb eins vor meinem Fenster saß und frech grinsend eine selbstgebackene Familienpizza verschlang. Vorsichtig ließen wir all unsere Materialien aus dem Fenster runter und teilten uns anschließend auf.
,,So, jetzt gibt es mal ein bisschen Action in dieser Kuh-Einöde.“
Trällerte Sophie zum Abschied. Während sie motiviert war, die ganze Stadt vollzukleistern, nahmen Tarek und ich uns jeweils eins der Nachbardörfer vor. Der Weg war schlecht beleuchtet und mir wurde etwas mulmig. Aber die laute Musik auf meinen Ohren vibrierte so stark, dass sich meine Laune einfach nur heben konnte und die Wut in mir wieder überhand nahm. Es gab einen Grund, wieso wir das heute hier machten. So kam es, dass die kriminelle Machenschaft, zu der ich gerade aufbrach, in jede Zelle meines Körpers einzog. Mein erster Halt war eine Litfaßsäule in einem großem Wohngebiet. Der Kleister gab Schleimgeräusche von sich, als ich Frau Malerrolle in ihn hinein tauchte. Mit großer Vorsicht versuchte ich, meine Handschuhe nicht einzuschmieren. Neben Vorsicht ist bei solchen Aktionen auch Sorgsamkeit der Machenschaft und Schnelligkeit sehr entscheidend. Und da kann ich mit vollem Stolz sagen, dass all dies bis zum zigfachen Plakat auch wunderbar funktioniert hat. Je doch gibt es da noch einen letzten entscheidenden Punkt, ohne den eine solche Mitternachtsarbeit unmöglich wird: Die Nichtsichtbarkeit der plakatierenden Person. Und man sollte meinen, dass in einem Dorf um zwei Uhr nachts so etwas durchaus gegeben sein sollte. Mein Lichtkegel war nicht der größte, als ich die Kante des Plakats an die Wand klebte. Dafür war der, der auf einmal hinter mir auftauchte umso größer. ,,Stoppt Femizide! Fast jeden Tag wird eine Frau ermordet. Und mitten in der Nacht wird in diesem Dorf eine Straftat begangen, zu der ich das große Vergnügen habe, die Polizei einzuladen.“
Zwei Sekunden lang befand ich mich vor Schreck in einer Starre. Aber dann schaltete sich mein Fluchtmodus an. Ich drehte mich um griff nach meinem Fahrrad. Jedoch hielt dies schon der Herr mit einer Hand fest. Während er mit der anderen sein Handy hielt.
,,Sie dürfen mein Fahrrad nicht fest halten.“ Schrie ich ihn an.
,,Du interessierst dich doch auch nicht, dafür was du darfst und was nicht.“
Der Griff wurde nicht lockerer, und Angst eroberte meinen Körper. In Panik suchte ich nach hilfreichen Gegenständen. Mein Blick fiel auf den Kleistereimer im Korb, und ehe ich richtig nachdenken konnte, stülpte ich dem Mann diesen über den Kopf. Der Mann lies unter Flüchen mein Rad los und ich radelte in Windeseile zum Ortsausgang. 30 Stundenkilometer zeigte mein Tacho. Ob mein Sportlehrer, wenn er das wüsste, vielleicht doch meine 3 in Sport streichen würde? Oder ob er sich doch eher, wenn er wüsste, wieso ich so schnell fahre, für einen Verweis einsetzen würde? Als ich das Gefühl hatte, meine Lunge würde kapitulieren, hielt ich an. Ich schmiss das letzte Plakat und Handschuhe in einen Mülleimer und auch Frau Malerrolle, für die dieses Abenteuer jetzt und hier ein Ende finden würde. Ich riss mir das durchgesabberte Schlauchtuch vom Gesicht und trank die Wasserflasche halb leer, bevor ich mich weiter auf den Rückweg machte. Ein Polizeiauto fuhr an mir vorbei. Bestimmt auf dem Weg zu Herrn Kleistereimer. Wenn es einen Film über mich geben würde, dürfte diese Stelle, als ich ihm den Eimer über die Rübe zog, auf jeden Fall nicht ausgelassen werden.
Um drei Uhr lag ich mürrisch in meinem Bett. Ob Sophie wohl hops genommen wurde? Sie hatte ihr Handy aus. Tarek schrieb, dass er durch mit seiner Route war und ob er vorbei kommen sollte. Ich tippte ,,Ja“. Wir fingen an Family Guy zu gucken. Immer noch keine Nachricht von Sophie. Irgendwann schliefen wir ein. Geweckt wurde ich von tausenden Nachrichten. Nachrichten von Sophie. Sie war bis fünf Uhr Plakatieren gewesen und hatte ihr Handy Zuhause gelassen. Wir verabredeten uns zum Kaffee bei „Leos“. „Leos“ war ein kleines süßes Café, in dem es immer herrlich nach Streuselkuchen roch. Von der geräumigen Fensterbank aus konnte Mensch direkt auf den Marktplatz gucken. Der Marktplatz war mit einer kleinen Schar Menschen gefüllt, die das Rathaus begutachteten. Und dafür gab es auch allerlei Grund. Das kleine Gebäude war nämlich eingekleistert von bestimmt… ,,Ich zähle ganze 23 Plakate,“ grinste Tarek.
,,Da hat sich aber wer ganze Mühe gegeben,“ sagte ich.
,,Aber Hallo! Meine Gäste reden über nichts anderes mehr als die Plakate gegen Femizide.“ Leo stellte ihr Tablett auf unseren Tisch ab. Wir nahmen unsere Tassen.
Das Leben fühlte sich an wie auf einer kleinen Zuckerwattenwolke. Die Menschen reden drüber, weil vor ihren Türen Plakate hängen, vor denen sie nicht weg rennen können. Plakate, die ihnen sagen, dass Gewalt gegen Frauen System hat.
,,Ja, dann wollen wir doch mal schauen.“ Sophie griff nach der Sonntagszeitung, die auf dem Nachbartisch lag. Und da stand es direkt auf der ersten Seite.
,,Unbekannte haben in der Nacht von Samstag, 23.11. auf Sonntag, 24.11. in unserer Stadt und umliegenden Dörfern Plakate aufgehängt, um auf Femizide aufmerksam zu machen.“
Zufrieden klappte Sophie die Zeitung zu.
,,Können wir doch froh sein, dass dieses Käseblatt sonst nichts zu berichten hat und deshalb solche Neuigkeiten kurz vor Druck noch mit aufgenommen hat.“
,,Was plant ihr als nächstes? Wo kann ich euch noch unterstützen,“ fragte Tarek, während er mir eine Kirsche vom Teller stibitzte.
,,Die Revolution, Baby. Du kannst mir in der anstrengenden Zeit die Füße massieren.“
,,Und unser persönlicher Koch sein. Jeden Tag eine Familienpizza für alle.“ Lachend nahm ich einen Schluck von Tareks Kaffee und guckte glücklich auf das Kind mit den lustigen Zöpfen was auf eins unserer Plakate zeigte.
Die Wochen zogen ins Land und ich an meiner Zigarette. Hinten flackerte die alte Laterne. Eine Nachricht ploppte auf meinem Handy auf. ,,Heute Dorfversammlung“, schreibt Tarek. Uff. Bei der ersten, nach dem wir die Plakate aufgehangen haben, hat Sophie uns in die alte Dorfschenke gezerrt, da unsere Aktion wie gewollt zu Unruhen geführt hat. Es ging heiß her in dem Raum, vor allem als ein gewisser Herr Martin aufstand. Er verkündete, dass es nicht sein kann, dass Frauen Plakate gegen Gewalt aufhängen und er dann von diesem mit einem Attentat überfallen wird. Ein Eimer Kleister wurde ihm über den Kopf gestülpt als er die Plakatiererin auf frischer Tat ertappt hat. Es laufen Ermittlungen gegen unbekannt. Während ein Haufen weiterer Männer sich auf seine Seite schlugen, meldete sich Frau Laurenz die Vorsitzende der Dorfschwestern. Als Vorsitzende eines Frauenvereins finde sie es sehr gut dass auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht werde. Auch wenn sie betonen möchte, dass diese Form ja schon sehr radikal ist. Kann aber auch nicht leugnen, dass so wenigstens mal drüber gesprochen wird. Da der Anstieg ja schon gewaltig sei. Als dann Dieter sagte, es sei ja nur Papperlapapp, sagte sie, dass wenn er noch mal etwas so Sinnfreies von sich gebe werde, sie ihm die Leviten lesen würde. Schließlich wissen ja alle, dass die blauen Flecken am Arm seiner Frau nicht davon kommen würden, dass diese jede Woche von der Treppe falle. Gegen Ende ihrer Rede sagte Frau Laurenz, dass sie nun gerne diesen Punkt schließen würde und direkt zu ihrem Punkt überleiten möchte. Dankbar ließ man sie gewähren. Und dann trat der ganze Verein der Dorfschwestern nach vorne und verkündete, dass sie als eine Gruppe von Frauen nach der Plakataktion auch ihren Teil leisten wollten. Weshalb die Einnahmen beim nächsten Sonntagsbrunch an ein Mädchenhaus in der Nachbarstadt gespendet werden sollten.
Spenden sammeln ist wie ein Pflaster auf eine Wunde kleben, die immer weiter suppt. Aber wenigstens konnten wir so für Aufmerksamkeit sorgen und ein bisschen was bewegen. Es geht darum Bewusstsein schaffen. Es ist ein Tag täglicher Kampf. Als wir die Kneipe im Gedrängel verließen, hörte ich zwei Dorfschwestern tuscheln, dass sie sich Herrn Martin schon irgendwie witzig vorstellen könnten mit einem Kleistereimer auf dem Kopf. Selbst den guten Eierlikör würden sie geben um das zu sehen. Der alte Grabscher habe es nun mal auch verdient.
