Feminis Tisch

Von Svenja Ohlsen

“Buenas!”
“Buenos días señora!”

Ich hätte gern einen Kaffee und einen kleinen Kräuterschnaps. Ja, das Wetter ist zurzeit unberechenbar. Es stürmte ganz schön heftig, als ich den Berg hinauflief, nun bricht aber die Sonne durch. Ja, so ist das wohl im Leben ebenfalls. Stürmisch und manchmal sonnig. Wo ich herkomme? Aus dem Tal, ich habe Don Carlos alten Hof übernommen. Ich bin übrigens Femini. Nein, ich bin ganz allein hier, einen Mann habe ich nicht. Nein, Don Carlos habe ich auch nicht besonders gut gekannt. Söhne hat er, ja, das habe ich auch gehört. Aber keiner der beiden wollte den alten Hof übernehmen. Ob ich auch Tiere habe? Ja natürlich, ich habe die kleine Kuhherde übernommen. Milch können Sie also nach wie vor kaufen. Käse wollte ich auch herstellen, mal sehen, es stehen ja einige Renovierungsarbeiten an, besonders der alte Dachstuhl braucht etwas Liebe nach dem Winter. Wer die Kühe melkt? Na ich. Ach, der Kaffee, danke. Dürfte ich auch noch den Schnaps bekommen? Der wird sonst nur von den Männern hier getrunken – ja, das mag wohl sein. Schmecken würde er mir bestimmt trotzdem. Kann ich mich an den Tisch dort in der Ecke setzen? Ach, das ist Filipos Tisch. Na, dann bleibe ich ein wenig hier am Tresen. Ja, danke, es hat geschmeckt, genau das Richtige, bevor ich wieder ins Tal steige. Den Schnaps nehme ich dann ein anderes Mal. Und wie gesagt, frische Milch gibt es täglich bei mir.

“Buenas!”
“Buenos días señorita!”

Dürfte ich bitte einen Kaffee und einen kleinen Schnaps bekommen? Ja, ich bin immer noch im Tal bei den Kühen, so wie letzte Woche. Nein, Don Carlos Söhne haben nicht vorbeigeschaut. Ich denke wirklich nicht, dass sie den Hof übernehmen möchten. Ich habe ihn gekauft und werde hier nun Käse herstellen und lokale Milch liefern. Kommen Sie doch gern vorbei, wenn Sie etwas brauchen. Darf ich mich dort ans Fenster setzen, der Tisch mit der schönen Aussicht auf die Dorfstraße? Ach, das ist Don Sanchez Tisch, ja, das wusste ich nicht. Achso ja, das wissen hier alle im Dorf. Naja gut, ich bin ja noch nicht so lange hier. Ich muss dann auch wieder, die Kühe warten auf ihr Heu und den Hühnerstall muss ich auch zusperren, bevor der Fuchs kommt. Ja genau, das mache ich alles selbst. Nein, ich habe keinen Mann an meiner Seite. Ja, auch die Kühe melke ich allein. Kommen Sie doch einmal vorbei, Señor, dann trinken wir ein Glas frische Milch zusammen. Ihre Frau würde das nicht gern sehen? Ja, aber sie ist doch auch herzlich eingeladen, alle aus dem Dorf sind immer bei mir willkommen. Bringen Sie einfach die ganze Familie mit, dann zeige ich Ihnen den alten Hof. Es war Don Carlos Hof, ja, nun renoviere ich ihn aber. Anders wird er nicht aussehen, nein. Nein, das mache ich alles selbst, das schaffe ich schon. Nein, einen Mann habe ich nicht. Bis zum nächsten Mal dann, ich freue mich schon auf meinen Schnaps.

“Buenas!”
“Buenos días señorita vaquera!”

Dürfte ich bitte einen Kaffee und einen Schnaps bekommen? Ja, den Kühen geht es gut und auch das Wetter scheint dieses Jahr ein wenig stabiler für den Anbau. Nein, einen Mann habe ich immer noch nicht, ich unterhalte den Hof ganz allein. Nein, einsam bin ich nicht, aber es wäre schön, wenn Sie und Ihre Frau einmal zu Besuch kämen. Danke für den Kaffee, ich trinke ihn hier am Tresen, ich möchte ja Don Sanchez und Filipo nicht verärgern. Ja, so ist das wohl im Dorf, hier kennt man sich und zählt aufeinander. Nun muss ich auch los und noch etwas Holz hacken, damit mir heute Abend nicht zu kalt wird. Falls Sie etwas Feuerholz brauchen, mir ist eine alte Birke umgekippt, kommen Sie gern vorbei oder sagen Sie Bescheid, dann säge ich Ihnen das klein. Ihre Frau würde das nicht gern sehen? Aber bitte bringen Sie Ihre Frau doch mit, ich bin mir sicher, wir hätten eine Menge zu plaudern beim Kaffeetrinken. Ich bin alleinstehend, ja, aber sie können doch sicherlich etwas Milch und Käse gebrauchen. Gut dann, den Schnaps hebe ich mir bis zum nächsten Mal auf. Einen schönen Tag noch und Grüße an Ihre Frau.

“Buenas!”
“Hola señorita Femini!”

Den Kühen geht es gut, ja, und den Hühnern auch. Nein, der Fuchs war nicht da. Vielen Dank für die Grüße, ich hatte eine wunderbare Zeit gestern Nachmittag mit Ihrer Frau, wie schön, dass sie vorbeigekommen ist. Ja, sicherlich, die Milch schmeckt noch genau wie bei Don Carlos. Ja, der Käse, das ist mein Geheimrezept, da bin ich sehr stolz drauf. Nein, nicht von meinem Vater, mein Vater war Buchhalter, den Käse habe ich selbst entwickelt. Wie geht es Ihrer Frau? Sie hackt Holz, das hat sie noch nie gemacht? Ach, das freut mich aber. Sie würden es lieber mögen, sie überließe es Ihnen? Naja, nun, ein wenig Holzhacken kann einem viel Energie bringen, freuen Sie sich doch für Ihre Frau. Das Melken hat ihr also gefallen? Ja, wie schön. Sie ist jederzeit willkommen, aber das habe ich ihr auch gesagt. Wo sind denn Filipo und Don Sanchez? Richten Sie ihnen doch aus, dass auch sie gern bei mir Milch und Käse bekommen können. Nein, ich brauche bisher keinen Mann, ich schaffe das auch gut allein. So wie ihre Frau mit dem Holz, nicht wahr? Na dann machen Sie’s gut und nehmen Sie es mir nicht übel. Den Schnaps trinken wir dann ein anderes Mal.

“Buenas!”
“Hola, Femini, qué tal?”

Gut, danke, ein bisschen müde, aber Sonja hat mich wunderbar unterstützt beim Melken gestern. Ach, hat sie das? Ja, das denke ich mir, dass sie viel zu erzählen hatte, als sie zu Ihnen nach Hause kam. Sie haben den Hartkäse probiert? Und? Ach, das freut mich aber. Ja, ja, das ist mein Rezept, ich mache das alles selbst. Don Sanchez hat auch bereits Milch abgeholt und Filipos Frau hat mir mit den Hühnern geholfen, ich brauchte einen besseren Verschlag. Der Fuchs, ja genau. Ach danke, da ist ja schon der Kaffee. Wo tragen Sie ihn denn hin? Ein freier Tisch? Mit Rücken zum Kamin, wie gemütlich. Früher saß hier Don Carlos? Vielen Dank auch. Ach, das ist jetzt also Feminis Tisch? Darauf stoßen wir doch an, oder? Mit einem Schnaps? Na kommen Sie schon, ach und da ist auch schon Filipo. Prost die Herren! Bis zum nächsten Mal dann, ich bringe Käse mit.

Svenja Ohlsen

Zwischen Menschen und Sprachen, zwischen Ländern und Landschaften, zwischen Büchern und Worten, zwischen Wiesen und Meer, setze ich über und übersetze ich im Takt der Melkmaschinen.

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