Achtung: In diesem Text kommt auch selbst verletzendes Verhalten vor.
Den Händen sieht man das Alter immer als erstes an. Die weiche, geschmeidige Haut, die früher so flüssig über den Knochen lag, wird papiern und dünn und sinkt zwischen den Adern und Gelenken ab, wie eingetrocknet. Die Knochen treten immer weiter heraus, bis alles ganz verdreht und verknotet wirkt, oder als sei bald wirklich nur noch das Skelett übrig und die Haut darüber lasse sich wie bloße Spinnweben wegwischen. Am Ende sieht es fast aus wie ein Stück Holz oder Stein. Selbst die Schale der Tomate in meinem Kühlschrank ist praller und weicher.
Bis auf eine Tomate ist auch nicht mehr sehr viel darin enthalten, denn meine Hände zahlen mein Essen und meine Hände beginnen zu altern. Ich sehe bereits die ersten Flecken auf den Handrücken erscheinen, noch schwach wie bloße Schatten, aber im bläulich aseptischen Licht des Kühlschranks schon deutlich erkennbar. Noch kann ich sie überschminken, aber bald werden auch die Adern stärker hervortreten und die Knöchel spitz herausstechen. Dann wird mich niemand mehr anstellen und ich werde nicht einmal mehr genügend Geld auf dem Konto für eine Tomate im Kühlschrank haben.
Als meine Hände noch jünger aussahen, hatte ich beinahe wöchentlich neue Aufträge. In fast jeder Werbung und jedem Film werden Hände benötigt und da die meisten Menschen weniger schöne Hände haben als ich, schnitten sie einfach meine hinein. Meine Finger haben hunderte von Joghurtbechern, Messern, Äpfeln und Cremetiegeln gehalten, Ringe getragen und Uhren präsentiert. Für fast jeden Griff in einen Kühlschrank in Filmen oder Werbung wurden meine Hände gefilmt. Jetzt sind die Aufträge deutlich seltener geworden und wenn ich nun meinen eigenen Kühlschrank öffne, ist er beinahe leer. Er ist mehr oder weniger ein Spiegelbild meines Kontos geworden.
Am Montag hatte ich noch sechs Quarkbecher im mittleren Fach, drei Tomaten, eine Packung Käse und einen Eierkarton im unteren Fach sowie eine Milchtüte in der Tür, die ich nie sehr weit aufschwingen lasse, um die Kälte nicht entweichen zu lassen. Ich habe den Kühlschrank auf die höchste Stufe gestellt und auf den Tomaten hat sich inzwischen eine dünne, glitzernde Reifschicht gebildet, die sie wunderschön aussehen lässt. Die Kälte ist natürlich notwendig.
Am Dienstag und Mittwoch waren dann nur noch eine Tomate, die Eier und die Milchtüte übrig. Den Käse und den Quark habe ich aufgegessen. Viel brauche ich nicht, denn ich fühle mich ohnehin schwach. Ich gehe praktisch nur noch von meinem Küchentisch bis zum Kühlschrank, lasse mich von der Kühle anwehen und kontrolliere wie viel zu Essen ich noch im mittleren und unteren Fach habe. Das obere ist natürlich belegt.
Am Donnerstag und Freitag hatte ich die Milch ausgetrunken. Die Eier sind wahrscheinlich eingefroren, genau wie die Tomate, aber anders ist es nicht möglich meine Hand im obersten Fach zu konservieren. Sie liegt nun schon ungefähr eine Woche dort, seitdem ich sie abgeschnitten habe. Es ist meine rechte Hand, da sie häufiger gebucht wurde und es eher wert war sie zu konservieren als die Linke. Sie abzutrennen und einzufrieren war der einzige Weg. Ich habe es bei den Tomaten beobachtet. Im Kühlschrank bleiben sie viel länger saftig und frisch. Ihre Schale glänzt und ist prall. Genauso wird es auch der Haut meiner Hand ergehen. Hier im Kühlschrank, im ruhigen blauen Licht bei beständig tiefer Temperatur wird sie sehr viel langsamer altern als draußen in der Wärme. Und sobald der Blutfluss an meinem rechten Arm etwas gestoppt ist, werde ich sie aus dem obersten Fach nehmen und wieder arbeiten, um mein Konto und meinen Kühlschrank ein wenig aufzufüllen.
