nacht schichten

Von Janis Jirotka

Ihre Haut ist glatt, die Schatten um ihre Körperumrisse sind weich gezeichnet, sie ist nackt, ihr Körper ist weißlich, beige gemalt, er hat keine roten Abdrücke, um ihren Körper legt sich ein blaues Tuch, die Falten haben die gleiche Farbe wie ihre Hautstellen, die im Schatten liegen, ihr Nabel ist fast dunkelblau. Um sie herum sind eine feingearbeitete Teedose, ein Brief und Früchte angeordnet. Um ihren Hals trägt sie ein schwarzes Samtband mit einer kleinen Schleife.

sie sieht mich an

oder sieht sie den Mann an der sie malt
oder sieht sie dich an

wenn du durch ein Nadelöhr in die Vergangenheit schaust
und dich da sehen kannst
in der Mitte einer Galerie
die einmal ein Ort der Fabrikarbeit war
wenn du dich da stehen siehst
mit einem kleinen Teddybär im Arm
– als Kind
in deinem Schlafzimmer
es ist ganz dunkel
du hast gerade eine Gutenachtgeschichte, ein Märchen gehört
das woanders, weit weg entfernt stattfindet
du stellst dir eine Frau vor
die rückwärts reist
sie ist die Frau aus RUdAbeh, die Rapunzel Geschichte aus Afghanistan
sie ist die lesbische Reiseschriftstellerin die dem Maler beschreibt, wie es
woanders, weit weg, aussieht
sie ist die person, die in der Fantasie des Malers auftaucht
und von seiner Hand gemalt wird
sie ist die person auf dem Gemälde mit den Früchten und der Teedose
welches du Jahre später in deinem Märchenbuch findest
das dein Großvater als Postkarte aus den ehemaligen deutschen Kolonien auf seinem Dachboden aufbewahrt
während die Frau aus dem Nadelöhr der Geschichte weiter rückwärts reist
konsumieren andere Kunst
du bleibst vor dem Gemälde stehen, denn –

die Frau trägt Schnurrbart
und zwinkert dir zu
das mochtest du noch nie
– das Zwinkern
trotzdem
gehst du zu ihr
ein Getränk oder zwei
ein offener Blick
dann später
zwei Arm in Arm

Berliner Nächte
es ist 1931.

sie ist die Tänzerin, showgirl
die einen Job hat, mit dem sie ihr eigenes Geld verdient
was die Leute heute
nicht Kunst nennen würden

der männliche Blick
vor und hinter der Bühne
er sieht sie an
oder sieht sie ihn an
und wenn sie hinter die Bühne geht –
und wenn sie lacht,

denn,
Ballett ist ein homoerotischer Tanz
an dem bürgerliche Heteromänner
sehr Gefallen
finden
sie ist die person, die mit dir durch die Nacht streift
die dir erzählt
wie sich Europa’s falsche Prüderie
in kolonialen Fantasien
wiederfand

sie weiß es
und sie weiß es nicht, dass
ihre weiße Weiblichkeit im kolonialen Gefüge
Europa herstellen soll

die dir erzählt
von dem Kokon
dem Turm
der sie schützt, aber einsperrt zugleich

sie sieht dich an
es ist die person, die da liegt,
die, die tanzt
die mit dir durch die Nacht streift
in Hosen
verhaftet wird
in den Apfel beißt
den Brief liest
und ihn zerreißt,
denn –

sie kann nicht lesen

sie verdient ihr Geld