Barmaid

Das Schnippen von Fingern ging mir so was von auf die Nerven. Drei Männer saßen am hinteren Tisch. Schnipp schnipp. Lächelnd wie eine Hyäne ging ich auf sie zu. „We are the Champions“ von Queen rockte aus den Lautsprechern und aus die Kehle von 234 Eishockeyfans.
„Was möchtet ihr trinken?“, fragte ich mit einer Freundlichkeit, die übertrieben wie ein Wackeldackeltanz war.
„Bier und Jägermeister.“
Der mittleren der Drei knallte mit seiner Hand auf den Tisch.
Ich nickte und quetsche mich durch den langen Gang zum Tresen. Die Bar war proppenvoll wie ein ACDC Konzert, an diesem Samstag Abend nach dem Eishockey spiel. Die Laune war überschäumend wie Sekt, der die Freude über den Gewinn und den Aufstieg in die Erste Bundesliga, versprühte. Alle Sitzplätze waren belegt. Die runden Tische voll mit grölenden Gästen. Weitere Fans standen im Gang, mit einem Getränk fest in der Hand.

Es machte Spaß, zu bedienen und etwas von der Feierlichkeit und Freude fremder Menschen mitzubekommen. Die ausgeladene Stimmung war die einer riesigen Feier ähnlich. Die Gäste waren gut gelaunt. Wie in einer Kiste Äpfel war meistens ein fauler dabei. Diesmal war es Tisch 23, hinten in der Ecke.
Es fing mit dem Grinsen und Lippenlecken an. Danach folgte das Fingerschnippen.
„Musst du das wirklich aufschreiben, ist nicht so schwer. Drei Bier und sechs Jägermeister.“ sagte der Capy-Träger.
Der Capy-Träger mit dem buntesten Teamtrikot stieß seinen Sitznachbar mit seinem Ellbogen in die Rippen.
Der rechts von Capy-Träger hatte einen rot-weißen Vereinsschal über seinen Kopf wie ein Turban gewickelt. Der linke Sitznachbar sah wie Godzilla aus.

Ich hatte 25 Tische zu bedienen und konnte nicht alles im Kopf behalten. Die hinteren Tische die am weitesten entfernt von dem Tresen, an dem die Getränke ausgeschenkt wurden, waren mein Bereich heute Abend. Auf meinem Weg dorthin brüllten und rülpsten mir Gäste ihre Bestellungen entgegen.
„Eine Cola, bitte.“
„Kiba mit Korn, für mich.“
„Eine Flasche Sekt mit 12 Gläser.“
Ich nickte den Stimmen zu und hoffte, alles zu merken.
Den Zettel mit der Bestellung von Tisch 23 übergab ich Sven, die Bestellungen die ich im Kopf hatte suchte ich selbst zusammen.
Sven sagte, „Komisch, dass Anna immer dann krank ist wenn ein Spiel stattfindet.“
„Wenigstens zahlt uns Rosie doppelten Stundenlohn.“

Rosie war die Besitzerin von „Eintritt gestattet.“ Eine bessere Kneipe mit einer kleinen Speisekarte.
Wenn eine Servicekraft ausfiel und sie keinen Ersatz bekam, verdoppelte sie unser Stundenlohn.
Ich brauchte das Geld. So dringend wie ein platter Reifen Luft braucht. Sonst würde ich wie die letzte Hinterwäldlerin ever aussehen.
Vor vier Wochen hatte ich einen Fahrradunfall gehabt. Ein Penner der auf sein Handy, statt auf der Straße schaute, schnitt meinem Weg ab. Meine Bremse quietschte, ich fiel in Zeitlupe nach vorne.
Mein Gesicht knallte gegen mein Lenkrad und dann auf den Bordstein, meine Schneidezähne flogen
wie befreite Vögel weit davon.
Meine Mutter sagte: „Nein.“ zu meiner Frage nach einem Zuschuss.
Als Studentin überlebte ich von Bafög, Kellner:innengehalt und Trinkgeld. Mein Konto war leer wie eine dreifach gepresste Zitrone.
Der Notdienst steckte Behilfszähne in meinen Mund.
Ich hatte die vorderen Zähne von Pippi Langstrumpf geerbt.
„So kannst du nicht arbeiten,“ sagte Rosie. „Du verschreckst mir noch die Kunden.“
„Wie soll ich über die Runden kommen?“ Ich sah die heißen roten Zahlen auf meinem Dispo wie eine Sekundenuhr hoch ticken, während mein Konto kalt und leer blieb.
Rosie schaute in die Regale. „Du kannst alle Gläser spülen. Komm Montag um 12.00 Uhr.“

Meine Hände waren aufgequollen wie ein Frosch als ich alle 2467 Gläser gespült hatte. Weingläser, Sektgläser, Pilsbiergläser, Weizenbiergläser, Schnappsglässer und einfache Trinkgläser.
Das Geld reichte für den Wocheneinkauf.
Nach drei Wochen sah mein Gesicht nicht mehr aus wie ein Picasso Gemälde und Rosie ließ mich bedienen. Mein Dispo war fast erreicht. Ich brauchte Kohle um aus der Miese zu kommen und um Zahnersatz zu kaufen. Ich nahm so viele Schichten, wie es mein Lehrplan erlaubte. Jeden Abend von Donnerstag bis Sonntag stand ich in der Bar. Freitags und Samstags von 22.00 bis 06.00 Uhr.
Da gab es die besten Trinkgelder.

Tisch 23 schnippte erneut. Die laute Musik machte es unmöglich die Stimmen am Tisch zu verstehen.
Ich beugte mich näher ran, um die Bestellung zu verstehen. Godzilla rückte mit Kussmund auf mich zu. Wie eine Kobra zog ich meinen Kopf zurück.
Meine Geduld neigte sich dem Ende zu. Ich war müde. Wollte schlafen. Meine Füße waren dick und schmerzten von den vielen hin und her laufen. Um mehr Trinkgeld zu erhalten, musste ich freundlich sein und Heiterkeit wie eine ansteckende Duftwolke verströmen.

„Pause.“ Es war 02.30 Uhr. Ich hatte eine Viertelstunde Verschnaufzeit. Die Treppen zum Keller waren rutschig von verschütteten Getränken. Die Tür zum Pausenraum war mit einer Zahlenkombination verschlossen. Ich tippte Rosies Geburtsjahr ein. Der Geruch von kalten Rauch verpetzte Svens und Rosies Raucherorgien. Meine Turnschuhe zog ich aus und ließ meine geschwollene Füße atmen. Meine Ohren bedankten sich für die Ruhe.
Die Eiskalte Cola rannte meine Kehle runter und funktionierte wie eine Heroinspritze, der Schokoriegel dazu machte mich zu einer unbesiegbaren Barfrau. Mit federnden Schritten ging ich zurück zur tobende Masse. Getränkebestellungen rieselten wie Regen auf mich ein.

Ab 4.00 Uhr torkelte die Hälfte der Meute aus dem Lokal. Mit nuschelnden Stimmen und unkoordinierte Bewegungen beglichen sie ihre offene Rechnungen. Mein Herz hüpfte mit jedem Trinkgeld. Wenn es so weiterging würde ich in ein paar Monaten mir die Keramikersatzzähne leisten können.
Tisch 23 blieb sitzen wie ein angetackerter Bananenaufkleber. Der Capy-Träger torkelte zurück vom WC und fiel neben seinen Stuhl als er versuchte sich hinzusetzen. Seine Kumpels lachten. Ich stellte die Getränke auf den Tisch.
„Letzte Runde. Wir schließen gleich“, sagte ich.
Die Musikanlage war ausgeschaltet und Sven hatte begonnen die den Tresen abzuwischen.
Die Sonne war bereits aufgegangen und die Tür zu „Eintritt gestattet“ war geöffnet.
Herein flog der Vogelgesang und frische Luft.
Mit Blutunterlaufenden Augen grinste mich Capy an.
„Wilsste jetzt dein Geld haben oder was?“
Ich grinste ihn mit meinem großen schiefen Vorderzähne an und nickte.
„Hui, bist du hässlich.“
Er griff in seine Tasche und zog ein Bündel Scheine heraus.
„120 Euro“, sagte ich.
„Du verarschst uns.“
Er knallte mit seiner Faust auf den Tisch.
„Kumpel, immer mit der Ruhe“, sagte der Schalträger, „Ich mach das klar.“
Er leckte seinen Daumen und legte sechs 20-Euro-Scheine und ein 50-Cent-Stück auf den Tisch.
„Der Rest ist für dich.“

Das Lachen der drei übertönte den Gesang der Vögel.
Mit gespreiztem Finger hob ich die Scheine auf und ließ den Taler auf den Tisch liegen.
Die hat’s wohl nicht nötig“, sagte Capy.
Arschlöcher“, sagte ich zu Sven, als die drei das Lokal verließen. „Ich fange hinten an, die Stühle auf die Tische zu stellen. Dann kannst du vorne fertig machen.“
Nach einer langen Nacht auf den Beinen wollte ich nach Hause. Meine Augen und Waden brannten. Meine Haut fühlte sich klebrig an.
Zu jedem Tisch gehörten vier Stühle. Ich fing mit Tisch 25 an. Die Stühle zu den Tischen zu schieben war zeitaufwendig und nach einer lange Nacht, kräftezehrend. Der Fußboden war voll mit Eintrittskarten zum Spiel, zerknüllten Servietten und Müll. Mit Kehrblech, Besen und meiner letzten Reserven bewaffnet, fing ich an, den Boden zu fegen. Unter Tisch 23 lag eine dicke Rolle Papier. Ich hob die Rolle auf.
Das Papier fühlte sich gut an, glatt und mit silbernen Streifen. Es war Capys Bündel Geldscheine. Ich lächelte, als ich die Scheine zählte und sie tief in meiner Hosentasche steckte. Nach ein paar schlechten Wochen hatte ich in Glück gehabt. In Lotto gewonnen, ohne zu spielen. Mit leichten Schritten stellte ich alle Stühle auf den Tisch, machte Kassenschluss mit Sven und schwebte nach Hause.