Leeres Konto? Ha! Toni öffnet die Tabelle mit den Außenständen. Die digitalen Häkchen darin mit der Bedeutung „bezahlt“ in riesige Fleischerhaken mit überdimensionalen Schinken dran oder endlosen Salamistangen. Nicht gerade die große Verlockung für Vegetarier, aber Toni sind die Essgewohnheiten in diesem Augenblick einfach wurscht. Zu viele Haken, die Tabelle ist voll davon. Toni erklärt in diesem Augenblick Haken für überflüssig. Schnell ein neues Tabellenblatt geöffnet und alle Haken dorthin verschoben. Die übrig bleibenden Zeilen sprechen auch nicht von erreichter Fälligkeit oder der Erwartung eines zeitnahen Geldeinganges. Augenscheinlich sind das so viele Zeilen wie Gurkenscheiben in der Klarsichthülle. Toni betrachtet die Summen. Jede verzehrte Gurkenscheibe würde nicht satt machen, aber die Klarsichtfolie merklich leeren. Keine gute Idee.
Ein Vorschuss? Nicht gut. Schießen ist sowieso nie gut. Und Vorschüsse sind nichts anderes als Kredite. In diesem Fall vertraut jemand darauf, dass Toni bald eine gewisse Summe zustehen würde, weil Toni einen Text ablieferte. Toni hat dahingehend in letzter Zeit zu viel erlebt. Bestellte Artikel, am Ende doch nicht abgenommen. Überholt von den Ereignissen. Die erscheinen allmählich als Hornissenschwarm, der Toni bald arm machen würde. Totstechen. Toni hört den Hornissenschwarm. Er scheint im Bauch angekommen und grummelt dort. Da wird Mäh gedrescht. Aber welches Mäh? Seit wann blökt ein Magen? Toni mag nicht blöken. Gefüllt werden soll er.
Erst Papier füllen, dann das Konto, dann den Bauch. Das ist die Reihenfolge. Die übliche. Wer aber hat die festgelegt? Wieso folgt alle Welt einer üblichen Reihenfolge und reiht die Geschehnisse nach Regeln, die Arbeit mit leerem Magen erfordern? „Voller Bauch studiert nicht gern?“ Mochte ja sein, aber er schreibt lieber und besser als ein leerer. Der leere Bauch jammert stets dem Kopf etwas vor, und der soll doch gerade arbeiten. Er soll die Finger stark machen, damit die über die Tasten tanzen können und Musik aufs Papier zaubern.
Blitzartig durchzuckt die Frage Tonis Kopf. Können Hexen eigentlich zaubern? Frauen an sich können „bezaubernd“ sein. Das ist ein Wirkung auf Männer, die allein wieder mal von Schönheit und Anmut abhängt. Lauter Äußerlichkeiten. Als Zauberin können sie wohl zaubern, aber wahrscheinlich heißt das eben auch wieder „hexen“. Die Hexe braucht ein Adjektiv, eine Hinzufügung. „Gute Hexe“ oder „böse Hexe“, „schwarze“ oder „weiße“. Bei einem Mann ist das einfach: Zauberer sind gut, Hexer garantiert nicht.
Toni steht auf. Der Kräutergarten auf der Fensterbank im Wohnzimmer ist das Ziel. Da gibt es auch ein paar Stauden Tomaten. Cocktailtomaten. Eine blinkt schon rot. Verführerisch. Ein Mini-Paradeiser. Als wenn die amerikanischen Ureinwohner auch nur einen blassen Schimmer vom Paradies gehabt hätten. Das Paradies hier ist winzig und macht nicht satt. Da kann niemand davon abbeißen. Adam und Eva hatten definitiv keine Tomate, die man sich hätte teilen können. Jedenfalls keine Cocktailtomate. Ob sowas im Garten Eden überhaupt hätte wachsen dürfen? Eine altgriechische Göttin der Verblendung, die sich mit einem gewissen Tom paart, zur Tarnung? Verblendung würde ja passen, aber wer ist Tom? Toni lässt sich verführen, pflückt die Frucht, steckt sie in den Mund, zerquetscht sie zwischen Zunge und Gaumen, schluckt und ist enttäuscht. Magen füllen geht anders.
Papier füllen aber geht genau so: Alles aufschreiben, was auch immer durch den Kopf wabert, sortieren und absenden. Oje. Toni entdeckt in diesen Worten ein ABER, die Frage nach dem ORT und zum Schluss auch noch ein ENDEN. Toni fragt sich, ob all dies in die heutige Zeit passt. Muss wohl, denn genau da steht ein ASS als Omen. Toni hat Omen gern. Das muss die Mehrzahl dieses meditativen OM sein, Und Mehrzahl ist immer besser als Plural, denn der kommt so männlich daher und gibt sich so intellektuell. Selbst wenn darin fast zweimal ein französisches „elle“, also das weibliche Personalpronomen schlechthin, zu entdecken ist: Intellektuell ist immer überheblich und kommt beim Publikum niemals an. Es findet keinen Beifall und erntet keinen Applaus.
Toni möchte Vogel werden. „Sie säen nicht, sie ernten nicht und werden doch satt.“ Na, wenn er sich da nicht geirrt hat, der Autor dieser Zeilen. Klar, war ja auch ein Mann und hat gegessen, was seine Frau ihm gekocht hat, Die war sicher einkaufen, weil er ihr ein paar Münzen zugeteilt hat. Geld. Auch damals schon. Kein Konto, denn das sind ja nur Zahlen. Mit dem Lesen und Schreiben und der Mathematik hatten sie es damals nicht so. Brauchten die ungebildeten Frauen ja auch nicht. Welch ein Fortschritt. Heute versteht frau ja auch etwas von Zahlen, aber dafür ist da nichts mehr Handgreifliches. Niemand muss mehr Handtaschen rauben oder Geldbeutel klauen. Geht alles viel bequemer, vom heimischen Sofa aus. Irgendwer hackt ein Konto, schiebt Zahlen hin und her, und Millionen sind pleite und einer wird reich. Andere schieben nicht, obwohl sie müssten und das ebenfalls sehr bequem könnten, und wieder wird jemand arm und bleibt hungrig.
Toni fällt die Tüte Mehl ein. Salz ist auch noch da. Toni phantasiert dazu: Ein Ei, am besten zwei, etwas Milch, ein Pfannkuchen. Macht satt. Nicht wirklich, aber ein wenig. Leihen. Das ist die Idee. Hat Toni noch nie, aber irgendwann ist das erste Mal. Der Nachbar oder die Nachbarin? Beide dürften zuhause sein. Aber Eier und Milch? Beim Nachbarn riecht es oft nach fast food, also Beinahe-Essbarem aus der Tür. Nein, der hat so etwas nicht. Die Nachbarin kocht wohl selbst. Das ist vielversprechend. Also zu ihr. Tonis Frage. Ein Lächeln. Die Einladung. „Bin leider gerade versetzt worden. Reicht bestimmt für zwei. Kommen sie doch dazu! Ist aber vegetarisch. Ich hoffe, das macht nichts.“ Toni betritt die fremde Wohnung. Schreiben kann Toni auch später noch, das kann warten. Stunden später ist die Laune bestens. Eier und Milch hat Toni ebenfalls bekommen. Für morgen.
