die toxischen kredite der madame bovary

Von Mathis Zojer

Vorab zur besseren Verständlichkeit: In seinem 1857 erschienenen Roman „Madame Bovary“, der als Meisterwerk der Weltliteratur gilt, schildert Gustave Flaubert mit genauem Blick auf die bürgerliche Welt seiner Zeit, wie die romantisch veranlagte Emma an ihrer unglücklichen Ehe mit dem einfachen Landarzt Charles Bovary zugrunde geht. Nachdem all ihre Versuche scheitern, durch wilde Affären und einen luxuriösen Lebensstil aus dem beengenden Milieu des fiktiven französischen Dorfes Yonville auszubrechen, ist sie hoffnungslos verschuldet und nimmt sich mit aus der Dorfapotheke entwendetem Arsen das Leben.

gäbe es gläserne bücher, deren beim umblättern zerspringende seiten nach vollendeter lektüre einen einzigen scherbenhaufen hinterlassen, dann käme gewiss madame bovary daraus hervor. und sie würde frohlocken über die modernen errungenschaften des scheidungsrechts und des teleshoppings. wie ehedem werden auch heute enttäuschte seelen in die ausweglosigkeit unhaltbarer situationen getrieben, und dann aus ihren ruinierten existenzen heraus ins nichts. ihre romantischen retter in höchster not, die ihnen das gift aus den verbitterten mündern küssen sollten, schlafen ruhig in ihren betten. auf ihren seelenfrieden ist verlass, denn notleidend sind nur die kredite, nicht die diskreditierten, und die investmentfonds haben die sympathien des ängstlichen sparvolks auf ihrer seite. bleiben sie besser in yonville, madame! die schuldnerberatung könnte ihnen auch nicht helfen.

voulez vouz faire faillite avec moi? wollen sie mit mir in konkurs gehen? wollen sie unter einer brücke mit mir schlafen? es ist keine große kunst, sich in so eine aussichtslosigkeit hinein zu leben. aber aus ihr heraus zu sterben, gestaltet sich mitunter schwierig. so ganz allein. ein einfacher landarzt hätte mir dabei helfen können. charles hat mir nie geholfen, das richtige mittelchen in passender dosis zu finden. ach, charles, guter charles. natürlich war es ungerecht vom alten snob flaubert, dich zum derart vollkommenen tölpel zu machen. als könntest du gar nichts anderes sein. dafür habe ich dank ihm in myriadenauflagen qualvoll zu sterben. immer wieder. in jedem einzelnen exemplar. mit jeder lektüre noch einmal. ich werde schon ganz grün im gesicht, allein wenn ich daran denke, dass ich unter den augen einer ergötzten leserschaft, die schon städte, wenn nicht gar länder füllen könnte, unermüdlich aufs neue verrecken muss. hätte ich jedes mal, wenn ich verröchelte, auch nur einen sou bekommen, ich wäre längst reich geworden. wie lange ich von meinen toden nicht hätte leben können! herrschaften, greifen sie zu! blättern sie in meiner agonie!

und für dich, mein schatz, sterbe ich auch schon mal umsonst.

mais non, madame! es hätte auch ganz anders kommen können, ein wirtschaftstreuhänder hätte ihre bilanzen in ordnung gebracht, sie hätten mit ihm gemeinsam eine einnahmen-ausgaben-rechnung, einen schuldenregulierungsplan erstellt, vielleicht wären sie einander näher gekommen, vielleicht hätten sie zärtlichkeiten ausgetauscht. oder erst einmal ein ps-starkes kraftfahrzeug geleast, um damit an die côte d’azur zu fahren. ein wechsel wäre doch einmal fällig, hätte ihr wirtschaftstreuhänder gesagt, und sie wären ein wenig erschrocken, dabei hätte er nur nur einen szenenwechsel gemeint, eine luftveränderung, und sie wären in ein erleichtertes lachen ausgebrochen. und beim baden im meer hätten sie an die kredithaie nicht denken müssen, die sich schon lange genug an ihrem herzblut gemästet haben. und die longdrinks im überteuerten strandcafé wären ohne diskussion auf seine rechnung gegangen, sie hätten sich so leicht und frei von allen sorgen gefühlt, dass sie ins philosophieren geraten wären. immer schon, hätten sie gesagt, sind wir schuldlos verschuldet, oder nein, entschuldigen sie, ich meine frei von schuld, aber nicht unschuldig, niemals ganz unschuldig. und sie hätten kokett gelächelt, und ihr wirtschaftstreuhänder wäre ganz hingerissen von ihnen gewesen, nicht wahr? bleiben sie in yonville, madame. bleiben sie besser in ihrem grab. lassen sie sich nicht länger verstricken in finanzielle verbindlichkeiten, lassen sie sich nicht mehr ersticken durch zwischenmenschliche unverbindlichkeiten. und lassen sie die leserinnen und leser mit den börsen der fantasie für ihre toxischen kredite bürgen, in tausenden bovarysmen. bleiben. sie. in. yonville. madame.

(zu risiken und nebenwirkungen lesen sie die packungsbeilage und fragen sie ihre ärztin, ihren arzt oder in ihrer apotheke.)

Mathis Zojer

geboren 1972 in Wien, Autor und Radiomacher der Sendereihe „Radio Irreparabel" (irreparabel.at) auf Orange 94.0, dem freien Radio in Wien, schreibt mit Vorliebe Satirisches, Groteskes und Experimentelles.

Webseite