Poetische Reflexionen
schreiben schreiben schreiben
schreiben schreiben schreiben
hinschreiben herschreiben wegschreiben
anschreiben abschreiben umschreiben
Lange Zeit floss es aus meiner Hand. Es floss in Hefte, auf Notizblöcke, Servietten, Verpackungen, einzelne Papierbögen. Es floss direkt aus mir. Ich konnte nicht unterscheiden zwischen meinen Gedanken und den Wörtern auf Papier. „Papier ist Papier/aber es ist auch/Ein Weg zu den Sternen…“ (Rose Ausländer) Mir wuchs ein sechster Finger an der rechten Hand: Daumen, Schreibefinger, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger. Den Schreibefinger nannte ich auch Stift, Feder oder Kuli. Schreibzwang oder Akt der Befreiung? Poetry: a room of one´s own!
denken denken denken
denken denken denken
hindenken herdenken wegdenken
andenken durchdenken umdenken
Erster Zufluchtsort: die Phantasie. Frühe Flucht in Gedanken, Vorstellungswelten – manchmal auch wirre Abenteuerwelten der (Fieber)Träume. Später: Bücher! Sie eröffnen ungeahnte Welten. „Ein Atemraum für Freiheit.“ (Hilde Domin) Welche Befreiung: nicht nur aus dem eigenen Leben, auch aus der eigenen Vorstellungswelt auszusteigen und sich in anderen Menschen, Schicksalen, Welten wieder zu finden. Stammgästin der öffentlichen Bücherei. Bücher verschlingen, Worte als tägliches Brot. Sie gehen durch mich hindurch und verwandelt aus meinem Schreibefinger hinaus. „Das Beste und Intimste, das einem Text widerfahren kann, ist, ihn sich einzuverleiben (was freilich einen kannibalischen Aspekt hat) und die Energie zu mobilisieren, aus ihm etwas Verwandtes und doch Neues zu machen.“ (Elfriede Gerstl)
sagen sagen sagen
sagen sagen sagen
hinsagen hersagen vorsagen
ansagen absagen entsagen
„Wenn ich ein Junge wär’/das wäre wunderschön/dann könnt‘ ich jeden Tag/in langen Hosen geh’n/und käm‘ ich abends spät nach Haus/macht mir kein Schwanz ein Drama d’raus/das wäre halb so schwer/wenn ich ein Junge wär.“ (Nina Hagen) Liedertexte als Wegbegleiterinnen auf dem Weg der Emanzipation, zu mehr Freiheit im Denken und Handeln. Janis Joplin. Joni Mitchell. Sinead O´Connor. Patti Smith. Aretha Franklin. Und Biografien von/über Frauen. Augenöffnerinnen. Ich bin jetzt viele Frauen, lese Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer, Djuna Barnes und das ist erst der Anfang. Die Texte machen mich wütend, widerständig, stolz, mutig. „Lass dich nicht unterkriegen. Sei frech und wild und wunderbar.“ (Astrid Lindgren) Frauengruppen gründen, laut gegen sexistische Werbeslogans vorgehen. „Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.“ (Johanna Dohnal) Sprache analysieren: Luise F. Pusch, Julia Kristeva, Senta Trömel-Plötz, Deborah Tannen. Verstehen wollen. „Begreifen bedeutet, sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit, was immer sie ist oder war, zu stellen und entgegenzustellen.“ (Hannah Arendt) Machtstrukturen analysieren, Sprache von Herrschaftsverhältnissen befreien oder befreit die Sprache mich? Schreibefinger: Erweiterung meines Körpers, Literatur von Feminist*innen: Erweiterung meines Denkens, Schreibens, Lebens. Germanistikstudium: Marlene Streeruwitz, Elfriede Jelinek, Hilde Spiel, Heide Pataki, Margit Schreiner, Anne Waldman, Gertrude Stein, Elfriede Gerstl. Erhellende Begegnungen. Diplomarbeit:„Literatur und Sammeln entspringt einem Mangel“ Zur Text(ilen)-Verarbeitung zentraler Themen im Gedicht „Kleiderflug oder lost clothes“ von Elfriede Gerstl. Verschränkung von Text und Textilien, Flanieren und Tandeln. Freude am Subversiven. Zusammenstellen, was einer gefällt. „Nein, nicht das Bleibende wollen wir, und die Mode will es auch nicht. Wir wollen das Flüchtigste!“ (Elfriede Jelinek)
geschrieben geschrieben geschrieben
gedacht gedacht gedacht
gesagt gesagt gesagt
„sich in eine zeile lehnen/wie in eine sofaecke/in einer zeile reiten/mit fliegenden haaren/mit einer wegschweben/wie ein luftballon“(Elfriede Gerstl) Ein Sommer in Naropa mit Anne Waldman, Allen Ginsberg, Laurie Anderson, Philip Glass. Poetry! Mich in eine neue Sprache hinein befreien. Dann: grauenfruppe mitbegründen: literarische Perfomancegruppe, feministisches Autorinnenkollektiv, assoziative Montagen in Wort und Aktion. Befreiung vom männlichen Geniebegriff!
Wenn wir alle vorgedrungen sind in die tiefsten Tiefen des Patriarchats und an die Grenzen des Mach(t)baren gestoßen sind, werden sich neue, nie da gewesene Weiten auftun, das Gender-Uni-Versum, in dem alle Menschen gleichgestellt sind.
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schotel landkort lostrum tull
akter kahut beröring
möte selskat embrulhat
Wir werden eine analoge, experimentelle und subjektive Sprache sprechen.
Poren und Blutbahnen werden Kommunikationskanäle sein.
Wir werden die eingeklemmten Nervenstränge befreien, an die Außenseite verlegen und wahre Sinnesräusche erleben!
Wir fordern die Trennung des individuellen Lustgewinns von arterhaltenden Körpervorgängen!
Fürs Genießen selbsterzeugter Laute!
Niemand muss mehr erröten!
Es lebe die Bommel- und Quastelsprache!
hingeschrieben hergeschrieben weggeschrieben
angeschrieben abgeschrieben umgeschrieben
hingedacht hergedacht weggedacht
angedacht durchgedacht umgedacht
hingesagt hergesagt vorgesagt
angesagt abgesagt entgesagt
„Das Gedicht lebt in der zuckenden Gegensätzlichkeit seiner Widersprüche. Das Gedicht ist, wie der Mensch, eine ‚wandelnde‘ Vereinigung seiner Möglichkeiten. Entweder/oder: diese Alternative gibt es nicht. Das Gedicht ist immer dazwischen.“(Hilde Domin) Assoziationen, Uneindeutiges Veränderbares, Amorphes, Mehrdeutiges, Vielschichtiges statt Binaritäten „Die unheilbare Pluralität der Welt“(Christina Thürmer-Rohr) „Literatur. Jeder Text. Jede Versprachlichung konstruiert die Welt anhand der Welt neu. Diese Konstruktion versucht eine Schreibung. Eine Weiterschreibung. Einen Gegenentwurf(…)
Daß es sich um Versuche der Konstruktion handelt. Das ist die Möglichkeit von Literatur. Das ist ihre erste Schönheit. Das ist ihr Sinn.“(Marlene Streeruwitz)
Feminismus wirkt. Schreiben wirkt. Rette dich, rette die Sprache, rette die Poesie!
