Und die Liebe kann da auch nichts machen

Von Maxie Grabo

Es war einmal ein herzensgutes Mädchen, schön anzusehen und von lieblicher Gestalt.
Sie lebte mit ihrem Vater zusammen, denn die Mutter starb früh.
Ein unhaltbarer Zustand wohl, denn bald zog nahm er sich eine neue Frau mit ihren zwei Töchtern in das angestammte Heim. Fortan war das herzensgute Mädchen die Magd, ein verhuschtes und ewig schmutziges Ding, das springen und rennen und ihrer neuen Mutter und den Schwestern zu Diensten sein musste.
“Bring mir die Bänder.” “Putz mir die Schuhe!”
“Wie sieht denn der Herd schon wieder aus?” “Kehr die Asche zusammen.”
So scheuchten die neuen Herrinnen es herum. Am frühen Morgen – wenn sie sich denn schon aus dem Bett bequemt hatten – bis zum späten Abend. Egal wie sehr es sich bemühte, schrubbte und hetzte, es blieb ausgeschlossen von den Vergnügungen und dem freundlichen Wort. Letztlich war es doch auch eigenes Versagen, wenn es nicht rechtzeitig den Herd ausgekratzt bekam und es noch nicht einmal schaffte, sich das Gesicht sauber zu wischen.
Das schmutzige, arme Ding. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, so behalf es sich und ließ dann und wann andere für sich arbeiten.

Fängt hier eine feministische Held*innen-Geschichte an? In wessen Kropf vergiften die gammeligen Körner die Schleimhäute? Waren es nicht die hilfsbereiten Tauben, die dem Puttelchen den Weg frei räumten für ihre Verwandlung zur Braut und baldigen Königin dank der alle-Hindernisse-überwindenden Liebe. Ein schönes Märchen mit Happy-End, in dem der Ungerechtigkeit getrotzt wird, in dem da einer, der Richtige, des Weges kommt. Und dann: Ende gut, alles gut. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Die meisten Geschichten schreiben sich an einer Held*innen-Erzählung entlang.
In drei, fünf oder sieben Entwicklungsstufen entpuppt sich der Held und seltener die Heldin oder Held*in zu wahrer Größe und findet über einige Irrungen und Wirrungen zu sich selbst. Und natürlich zum glücklichen Ende der Geschichte, nach dem dann nichts Erzählenswertes mehr passiert.

Wie geht die Aschenputtel-Geschichte auf feministisch? Hat das Aschenputtel überhaupt einen eigenen Namen? Wahrscheinlich nebensächlich, denn es ist nur Platzhalter*in für die Hoffnung aller historischen und aktuellen Aschenputtel, die auf ihren Prinzen warten. Was wäre wenn – nennen wir es X0X – sich selbst auf den Weg gemacht hätte? Einfach klammheimlich verschwunden oder die Stiefmutter gemeuchelt und dem Vater einen Aufstand gemacht hätte und dann raus in die Welt.

X0X lehnt sich an die erstbeste Schulter, die sich anbietet. Bitte nicht.
X0X ging ins Wasser. Vielleicht, aber unerfreulich.

X0X mauserte sich, ließ die rußverschmierten Fetzen zurück und wurde wer, die*they nie zu sein können glaubte. Hier könnte doch eine feministische Held*innen-Geschichte anfangen – mit X0X in der Hauptrolle. Protagonist*in bohrt unerschrocken und ohne weitere Gewissensbisse jetzt das Schwert in irgendeine Brust oder schleicht durch dunkle Wälder, weil die Situation so ist wie sie ist und es ein Ziel gibt. Was treibt X0X als noch ungewisse Held*in an? In vielen Geschichten die große Liebe zu einem Mann, der dann alles richten wird. Die Liebe, die entrissen wurde und die es wiederzufinden gilt, denn ihr Herz braucht sein Herz für das große Ganze. Oder die ewig naturgegebene und ach so unglaubliche Mutterliebe, in deren Namen alles möglich wird.  Und so fand Held*in zu sich selbst dank ihrer Liebe, für die sie zu einer großen Reise aufbrach, sich durch knifflige bis widrige Umstände, manchmal sogar Schlachten kämpfte, um am Ende ihre Liebsten wieder in die Arme zu schließen. Nebenbei hat Held*in sich selbst gefunden, einfach so auf dem Weg. Über sich hinausgewachsen, herausgeschält oder durchs schiere Laufen herausgetreten. Es ist einfach so passiert durch den Gang der Geschichte.
Bisweilen riecht Held*in nun ein wenig streng, denn jetzt steckt jede Menge Erfahrung drin. Blutige, verbitterte, rechtschaffene, verbindende und was sonst noch in der Geschichte passiert ist.

X0X durchlebte etwas.
Held*in erfuhr etwas.
X0X machte etwas mit.
Held*in machte sich etwas klar.

Und danach erscheint Held*in mit neuem Glanz. In einem schimmernden, Held*in weich umspielenden Gewand, dass aus den schönsten Materialien gegossen, geklopft und geschneidert wurde. Held*in weiß jetzt um ihr unbiegsames Funkeln, denn jede Krise ist eine Chance ist ein Teebeutel, der gut zubereitet neue Kraft gibt. So schön kann die Held*innen-Geschichte sein. Aber ist sie feministisch wenn nur die romantische Liebe zwischen Ungleichen das Rad der Geschichte antreibt. Ist das nicht so typisch und so beruhigend, dass auch X0X sich gerne daran versichert. Und fehlt nicht die eigentliche, die aufbrechende Geschichte? X0X ist nicht mehr das kleine verhuschte Ding, trägt jetzt eine leuchtende Rüstung, in der es*sie*they den Prinzen wiederfindet, vielleicht gar aus den Klauen des Bösen befreit. Und dann zurück in das unpraktische Rüschenkleid, mit all den Schleifen und Bändern, auf die es zu achten gilt, so dass die Wangen rosig aber nicht gerötet den Ehemann anschmeicheln?
Findet X0X den Prinzen nicht jetzt auch ein bisschen lasch und hält nur an ihm fest, weil das ja die ganze Geschichte lang das Ziel der Sinn war?

Eine schönere Geschichte ist dann doch die des Ausbruchs ins Ungewisse wie die von Thelma und Louise vielleicht. Für eine kurze Zeit steigen sie aus, zeigen allen einen Vogel und gelegentlich die Knarre. Nur das Ende lässt zu wünschen übrig und die Moral von der Geschicht’: Sei schön brav und angepasst, denn sonst wirst du weg’geschasst. Oder schmeißt dich selbst aus dem Spiel und dem Leben.

Eine allzu tragische Held*innen-Geschichte, in der es kein gutes Ende geben darf. Wo kommen wir da hin. Dann würden ja auch andere auf die Idee kommen, sich nicht an die Regeln zu halten. Diese Unordnung, wer soll denn da wieder hinterherräumen.

Bleiben dann noch die Geschichten des Alltags. All die Geschichten über weibliche Figuren, die aufräumen, wegräumen, hinterherräumen, verräumen und sich einräumen. Die Geschichten ermüden Leser*in und nehmen bis zur Erschöpfung das vorgegebene Schrittmuster auseinander. Links lächeln, rechts mal eben drüber wischen, vor zur Umarmung, nach hinten, um ein schönes Selfie zu machen von der ach so glücklichen Familie und dann das Ganze wieder von vorne. Links lächeln, rechts wischen, vorne umarmen, hinten das schnell staubende Glück festhalten. Heute flüssig in kleinen Tippelschritten, morgen holprig und ohne Selfie und übermorgen noch einmal aufgerafft und das Lächeln zieht an den Zähnen. Aber das Schrittmuster verlangt das Abstrampeln, um am Platz zu bleiben. Links, rechts, vorne, hinten und zurück zur Ausgangsposition: Held*in wiederholt die Wiederholungen, denn so ist es nun mal das Leben namens Alltag, das sich jeden Tag von Neuem ereignet. Und meistens hat Held*in es doch eigentlich ganz gut getroffen. Geld, Ansehen und Mann stimmen. So geht das eine Zeit lang, die To-Do-Listen werden länger und Erschöpfung und Langeweile nehmen zu und die kleinen Hoffnungen auf etwas, das da Glück heißt, verschleißen. Der Alltag stumpft sich ein, tagein, tagaus, Routinen entstehen und geben Sicherheit, in denen es sich doch zuweilen ganz behaglich einrichten lässt. Und dann passiert etwas.
Manchmal begibt Held*in sich in heimliche Fluchten und ganz selten in die Verweigerung, verlässt den allzu glücklichen Trampelpfad, der mittlerweile mit all dem Wischwasser zum Morast verkommen, Held*in einschlingt.

Held*in geht raus.
Und da, da steht Held*in dann alleine.
Held*in kennt den Weg nicht.
Und google maps sowieso nicht.

Die Füße schlammverkrustet und schwer tippeln die Schritte, bis sie das Schreiten lernen. Wie mutig und hartgesotten ist Held*in? Schreibt Held*in eine eigene Geschichte? Fängt die Geschichte jetzt endlich an? Zuweilen trifft Held*in auf Andere, vielleicht auch auf X0X, die*they jetzt durch die Welt wandert. Der lang herbei gesehnte Prinz erlag seinen Verletzungen, da X0X ihn eines Nachts niederstach, vielleicht aus der neuen Gewohnheit heraus, vielleicht weil er den Weg blockierte.
Trafen hier Gleiche aufeinander? Einige kannten sich aus mit dem romantisch tänzelnden Schrittmuster, andere hatten nie diese Schritte gemacht, kannten aber andere Schritte und wieder andere schritten mal so und mal so. Trafen sie sich zufällig auf ihren selbst geschlagenen Wegen, erzählten sie sich ihre Geschichten. Zuerst zögerlich, dann schneller, lauter und mit all den Schlachten, die sie überlebt hatten, die sie jetzt ausmachten. In den Geschichten dröhnte und hallte und quietschte und kreischte und heulte und flüsterte es. Sie banden die Geschichten  aneinander, ließen sie ineinander fließen, so dass sie sich an einer Windung des Erzählflusses verkeilen konnten und sie ihre bisher wenig held*innenhafte Lage erblinzelten. An der nächsten Kurve der Geschichte stauten sie sich auf an all den Steinen, Bäumen und dem Gestrüpp, das den Weg scheinbar unpassierbar zuhäufte, so dass sie schäumten und in einer wahren Flut weiter stürzten. Die feministische Held*innen-Geschichte nahm ihren Lauf. Sie schrieben sie zusammen. Vieles wiederholte sich, manches war haarsträubend, anderes drohte klein geredet zu werden und einige Held*innen kamen dazu und setzten neue Punkte und Wörter in die Geschichte. Und wenn sie sich nicht zerstritten haben nicht gestorben sind, dann schreiben sie noch morgen

Maxie Grabo

Maxie Grabo steht auf heiße Konten, gut gefüllte Kühlschränke, gerne auch mit frischem Lesestoff und viel Zeit, um an der großen Held*innen-Geschichte zu schreiben.

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